Diskussion: Glanz für Jahrtausende - Die Wiederentdeckung der Glasurkeramik

Über Jahrtausende war glasierte Keramik das kostspielige Material für Tempel, Kirchen und Paläste. Mit dem Aufkommen der komplett verglasten Vorhangfassade zu Beginn des 20. Jahrhunderts und dem Diktum, die Konstruktion sichtbar zu zeigen, schien der geheimnisvoll verhüllende orientalische Teppich aus bunten glänzend ornamentierten Ziegeln für immer aus der Materialpalette renommierter Architekten verbannt. Seit einigen Jahren zeichnet sich jedoch eine Umkehr ab: Gebäudehüllen aus glasierter Keramik liegen wieder im Trend. Woran liegt das? Ein Aspekt ist die generelle Tendenz zu haptischen Materialien und der Wunsch nach Unverwechselbarkeit. Im Gegensatz zu Ganzglasfassaden, deren Potenzial in all ihren Variationen ausgereizt scheint, könnte die Entwicklung von Glasurkeramik in der Architektur an einem neuen Anfang stehen. Das Material, das als keramische Punktbedruckung auf Glasflächen lediglich funktionale Dienste für den Sonnenschutz leistete und höchstens als Muster oder Bild ästhetisch in Erscheinung trat, wird wieder zum Hauptdarsteller mit all seinen haptischen Qualitäten und Farben, die in Jahrtausenden nicht verblassen. Im Gegensatz zu Emailleplatten, bei denen Glasmineralien auf Stahlplatten untrennbar aufgeschmolzen werden, fasziniert die Glasurkeramik durch die plastische freie Formbarkeit des Tonscherbens. So fallen aktuelle Keramikfassaden gerade dadurch auf, dass sie sich aus der Fläche lösen, unterschiedlichste Formate und Texturen bilden können und changierende Farben.